Ethische Fallberatung

„Ein Ringen um die beste Lösung“

Ethische Fragen gehören zum Klinikalltag. Aber manchmal schwirrt allen Beteiligten dabei der Kopf.

In den Krankenhäusern der Alexianer gibt es ein Instrument, um schwierige Fälle strukturiert diskutieren zu können: „Ethische Fallbesprechungen“. Am Alexianer Krankenhaus in Aachen liegen sie in den Händen eines engagierten Ethik-Kommitees.

Das war eine gute Entscheidung: Die 55-Jährige, die unlängst auf der psychiatrischen Station des Alexianer Krankenhauses in Aachen vorstellig wurde und um Aufnahme bat, kämpfte seit dem Tod ihres Partners gegen suizidale Gedanken an. Sie musste dringend behandelt werden. Und Suizidprävention ist möglich, betont Oberärztin Dr. Miriam Kirchner: „Es war genau richtig, dass uns die Patientin um Hilfe bat. Wir können helfen.“

Aber wie sollte das medizinische Team mit der kniffligen Patientenverfügung der Dame umgehen? Das Dokument, das die Dame in die Klinik mitbrachte und auf den Tisch legte, schloss sämtliche Formen der medizinischen Hilfe für den Fall aus, dass sie „nicht mehr ansprechbar“ wäre. Und dieser Wunsch sollte auch dann gelten, wenn sie als Diabetikerin durch Unterzuckerung in einen „nicht mehr ansprechbaren“ Zustand geriet. Das fügte die Patientin, die das Thema bei der Aufnahme wieder und wieder anschnitt, mündlich hinzu.

Kirchners Team war irritiert: Es sollte ausdrücklich helfen und zugleich wieder nicht. Es fürchtete nicht zuletzt, im Fall der Fälle in juristische Schwierigkeiten zu kommen.

Ein kniffliger Fall – aus allen Winkeln beleuchtet

„Glücklicherweise besserte sich die depressive Episode durch die Behandlung“, sagt Miriam Kirchner einige Monate später, als sie die Anwesenden in einem lichten Konferenzraum des ehemaligen Alexianerklosters begrüßt: „Die Patientin ist mittlerweile entlassen, es geht ihr bis heute vergleichsweise gut.“ Trotzdem bittet sie das Ethik-Komitee der Klinik um eine Einschätzung des Falls – um für ähnliche Situationen besser gerüstet zu sein.

Und da sitzen sie nun: zwei Ärztinnen, ein Pfleger, zwei Richterinnen, ein Seelsorger, eine Leiterin des Wohnverbundes der Alexianer und die Vorsitzende des Ethik-Komitees sowie Patientenfürsprecherin Alice Brammertz. Kirchner hat sie alle bereits im Vorfeld über den Fall informiert. Kurz skizziert sie noch einmal die Lebensumstände und die Krankheitsgeschichte ihrer Patientin. Dann steuert jeder am Tisch Anmerkungen zum Thema bei, in Ruhe und ohne zeitlichen Druck.

Am Ende der neunzigminütigen Diskussion steht eine Abstimmung und eine Empfehlung: Der akut suizidgefährdeten Patientin müsse im Falle eines „nicht mehr ansprechbaren“ Zustands während des Klinikaufenthalts zurück ins Leben geholfen werden. Etwas anderes gäben weder die Formulierungen in der Patientenverfügung her noch der Auftrag der Patientin, die im Krankenhaus um Behandlung bat.

Miriam Kirchner nickt. Sie wirkt erleichtert. Sie wird die Empfehlung des Ethik-Komitees nun in ihr Team zurücktragen und auch die niedergelassene Ärztin informieren, bei der die 55-Jährige in Behandlung ist. Das ist die Ärztin, mit der sie die Patientenverfügung ausgefüllt hat.

„Ethik-Komitees oder ähnliche Strukturen der Ethik-Beratung gibt es mittlerweile in allen Alexianer-Kliniken“, erläutert Dr. Ralf Schupp, der Referatsleiter für christliche Ethik und Spiritualität des Alexianer-Verbundes. Sie könnten auch von Patientenangehörigen oder gesetzlichen Betreuern kontaktiert werden. „Aber in der Regel“, sagt Schupp, „hat die Behandlungsseite während der stationären Behandlung Bedarf.“

In einem akuten Fall kommen einige Komitee-Mitglieder, die entsprechende Fortbildungen und eine Moderationsschulung erhalten haben, zu den „ethischen Fallbesprechungen“ in die Stationen und diskutieren mit allen, die dort in die Behandlung involviert sind: „Mit einer normalen Problembesprechung im Team oder einem Zweipersonengespräch ist das nicht zu vergleichen. Es geht um eine Standortbestimmung unter Berücksichtigung aller Fakten und möglichst vieler Blickwinkel, durch die sich das angemessene Vorgehen fast immer ergibt.“

Auch die Lebenserfahrung einer Unternehmerin ist gefragt

Auffallend im Aachener Ethik-Komitee ist die Beteiligung einer Externen: Alice Brammertz, Prokuristin einer familiengeführten Schreinerei in Kornelimünster, ist seit 17 Jahren Vorsitzende des Komitees: „Damals hat die Geschäftsführung das Komitee ins Leben gerufen, und ich freue mich sehr, dass ich mich seit der Verkleinerung des Komitees vor drei Jahren – mit der eine deutliche Professionalisierung der Arbeit einherging – weiter einbringen darf.“

Es ist ihre Lebenserfahrung und auch ihre Erfahrung mit psychisch Erkrankten, die Brammertz mit einbringt. Ganz selbstverständlich sitzt sie bei der sachlichen Fallbesprechung an diesem Nachmittag in Aachen zwischen den beiden Richterinnen, einem Pfleger, zwei Ärztinnen, einer Sozialraumleiterin des Alexianer Wohn- und Beschäftigungsverbundes Aachen und einem Seelsorger.

Und auch bei den akuten Fallbesprechungen, von denen es in Aachen fünf bis zehn pro Jahr gibt, ist Alice Brammertz gefragt. „Als Patientenfürsprecherin höre ich manchmal Klagen von Leuten, die sich nicht wahrgenommen oder schlecht behandelt fühlen, und jede einzelne von ihnen nehme ich natürlich ernst“, sagt sie. „Bei den ethischen Fallbesprechungen, die ich moderiere, erlebe ich allerdings immer wieder das Gegenteil: Auf den Stationen wird wirklich um die beste Behandlung für die Patientinnen und Patienten gerungen. Das imponiert mir schon sehr.“


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