Universitätsmedizin

Eine Partnerschaft mit
unterschiedlichen Stärken

Die Alexianer in Berlin kooperieren seit zwanzig Jahren mit dem Charité-Krankenhaus – ein außergewöhnliches Konstrukt.

Von dem Brückenschlag profitieren beide Partner bis heute. Aber wie genau? Fragen an Prof. Dr. Felix Bermpohl, Chefarzt am Alexianer St. Hedwig-Krankenhaus. 

Professor Bermpohl, die Alexianer in Berlin kooperieren jetzt schon seit rund zwanzig Jahren mit der Charité, einer der größten Universitätskliniken Europas. Lässt sich der Hintergrund mit einfachen Worten erklären?
Das ist nicht schwer. Die Zusammenarbeit bedeutet, dass unsere Klinik für Psychiatrie in Hinblick auf die Patientenversorgung Teil des St. Hedwig-Krankenhauses ist, in Hinblick auf Forschung und Lehre aber Teil der Charité Universitätsmedizin Berlin. Die akademischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben Charité-Verträge und werden über deren Personalstelle verwaltet. Unser Klinikdirektor, Professor Dr. Andreas Heinz, ist gleichzeitig Lehrstuhlinhaber für Psychiatrie an der Charité, Campus Charité Mitte. Er steht also sowohl der Klinik für Psychiatrie an der Charité, Campus Mitte, als auch unserer Klinik im St. Hedwig-Krankenhaus vor.

Was merke ich als Patientin oder Patient von dieser Kooperation?
Als Patientin oder Patient sind Sie erst mal Patient des St. Hedwig-Krankenhauses. Inhaltlich hat es aber Auswirkungen: Wir stimmen uns mit der Charité, Campus Mitte, über unsere Angebote ab. Wir liegen hier in der Mitte Berlins, die Psychiatrie gliedert sich nach Versorgungsbezirken, mit entsprechend aufnahmeberechtigten Kliniken, und der Campus Mitte und wir teilen uns einen solchen Bezirk. Das ist auch der Grund, weshalb die Kooperation damals entstand. 2001 gab es eine Reform der Berliner Bezirke, in Mitte entstand ein neuer großer Bezirk, und die Politik wünschte sich eine trägerübergreifende psychiatrische Versorgung aus einem Guss.

Das gewährleistet die Zusammenarbeit.
Ganz genau, über die Abstimmung der Angebote. Gerontopsychiatrie und Suchterkrankungen sind zum Beispiel bei uns stark vertreten, Angsterkrankungen beim Campus Mitte. So kann man sich gegenseitig ergänzen und unterstützen, es gibt Angebote, die eine Klinik allein nicht vorhalten kann. Und auch für die Forschung ist der Zuschnitt ideal: Die Forscher können sehen, wie sich ihre Konzepte und Innovationen im Alltag, im Kontext der Regelversorgung eines größeren Bezirks, bewähren.

Lässt sich das so zusammenfassen: Die Charité erhält über die Alexianer Zugang zur breiten Versorgungspraxis?
Ja, die Charité bekam über die Kooperation mehr Patientinnen und Patienten – und einen Partner, der als kleineres Haus wendiger ist als das große Flaggschiff Charité, um neue Konzepte zu erproben. Wie zum Beispiel auf der interdisziplinären geriatrisch-gerontopsychiatrischen Station, auf der die Internisten und die Psychiater zusammenarbeiten. Aber Sie dürfen sich das nicht so vorstellen, dass unsere Patientinnen und Patienten nun auf einmal von Charité-Forscherinnen und -Forschern unter die Lupe genommen würden. Es ist vielmehr so, dass die Mitarbeitenden vor Ort Charité-Verträge haben.

Und die Alexianer?
Die Alexianer erhalten die akademische Stimulation. Wir nehmen an der wissenschaftlichen Entwicklung mit eigenen Projekten teil, auch an der Lehre, und es bewerben sich forschungsinteressierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ohne die Kooperation würde uns dieser enge wissenschaftliche Austausch fehlen. Wir hätten, glaube ich, kaum derart spannende Pilotprojekte wie die Soteria, die jungen Menschen in akuten psychotischen Krisen eine Umgebung bietet, die wenig mit der klassischen Klinikumgebung gemein hat, oder ein mentalisierungsbasiertes Elterntraining, das Eltern, die an psychischen Erkrankungen leiden, in ihrer elterlichen Fürsorge stärkt. Es wäre auch schwerer, für die Forschung, die bei uns stattfindet, Drittmittel einzuwerben. In einigen Fällen kann man Drittmittel ohne universitäre Anknüpfung nicht einmal beantragen.

Wie stark war die Angst, die Eigenständigkeit zu verlieren?
Die Gefahr sehe ich nicht. Es gibt die klare Vereinbarung, dass die jeweiligen Zuständigkeitsbereiche – der Versorgungsauftrag für die Patientinnen und Patienten liegt beim St. Hedwig-Krankenhaus, aber Forschung und Lehre sind Sache der Charité – wechselseitig respektiert werden. Mit anderen Worten: Wenn es um die Patientenversorgung, den Kern unserer Arbeit geht, da haben die Alexianer das Sagen. Wenn es um Forschung geht, ist das eben die Charité. Und wenn es um die Abstimmung der Angebote und die Entwicklung neuer Konzepte geht, bündeln wir die Kräfte beider Seiten. Das läuft alles sehr gut, schon weil die Personen an der Spitze, Herr Grafe, unser Regionalgeschäftsführer, und Professor Heinz, an der Kooperation stark interessiert sind.

Treffen da nicht auch höchst unterschiedliche Kulturen aufeinander?
Das ist so, beide Häuser haben ihre eigene Kultur und ihre Stärken. Die Alexianer haben eine lange Tradition und Erfahrung in der fürsorgenden Betreuung von psychisch kranken Menschen am Rande der Gesellschaft. Sie bringen eine Haltung der humanen Zuwendung zu den Schwachen mit, die im Auftrag tätiger Nächstenliebe wurzelt, wie auch eine familiäre Atmosphäre der Zusammenarbeit. Die Charité hat die wissenschaftliche Exzellenz, eine akademische Kultur mit ausgezeichnetem Ruf, und sie zieht kluge Köpfe an, die sehr engagiert sind und sehr schnell Dinge lernen.


nach oben